
Beim ersten Blick dachte ich: Sieht so ein Friedensengel aus? Dieses schimmernde Graublau - das ist doch die Farbe von Stahl, von Waffen! Und der gelbe Himmel – eine Sturmwarnung? Die orange-gelben Punkte – soll ich die als Kugeln, Kanonen, Einschüsse deuten? Doch dann führte mich die Silhouette der Engel-Figur auf eine andere Fährte: Die Flügel und Arme wirken auf mich wie ein großes „X“: Der Engel »ixt« den Krieg aus. Oder: Das Engelwesen baut eine große Barriere vor Krieg, Hass, Streit und Leid. Aha, jetzt sehe ich deutlicher die großen Bewegungen des Bildes, mein inneres Auge ergänzt sie zu Halbkreisen. Und die sind in beidem, im Himmel und auf der Erde, blau und gelb, orange und hell-blau. Stellt sich der Engel etwa genau in diesen Aufruhr, in dem oben und unten durcheinander gehen? In dieses Chaos, in dem die Werte sich vermischen, überschlagen, gegenseitig beeinflussen? – Je länger ich hinschaue, desto mehr tauche ich ein in diese fließenden, tanzenden, aufgewühlten Kreise. Desto mehr wird Katrin Roschers Engel zu einem Friedensengel. Er erinnert mich an Gottes Wesen: Gott stellt sich mitten hinein in den Aufruhr zwischen Himmel und Erde. Gott zieht sich nicht zurück. Gott leidet mit am Leid. Das sehe ich an Jesus Christus. Wie er gelebt und geredet hat. Wie Jesus gestorben ist. Schon bei seiner Geburt erscheinen Engel den Hirten. Sie rufen laut aus: „Ehre sei Gott! Und Friede auf Erden!“ (Nachzulesen in der Bibel, Lukas-Evangelium, Kapitel 2)
Jetzt fällt mir auch die Handhaltung des Engels auf. Die Sprache seiner Hände sagt mir: „Gemach! Gemach! Macht langsam mit dem Krieg, mit dem Bösen!“ In der letzten Chorprobe fiel mir auf: Wenn zu viel Unruhe herrscht, hält der Dirigent unserer Kantorei die Hände ganz genau so! Und schon nach wenigen Sekunden kehrt Ruhe ein. Und hier: Ruhe in den Krieg, Ruhe ins Herz. – Übrigens: Es gibt eine interessante Engel-Spur in der Bibel: Der Engel, der sich gegen das Böse stellt, es beiseite schiebt. So wird er mir noch sympathischer, der Friedensengel! - Und HIER geht's zur Künstlerin Katrin Roscher und ihren Bildern. [Teil 2 der Serie »12 Engel für das Jahr«]
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